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Der digitale Dorfplatz von Biel

Dank der Nachbarschaftshilfe auf Facebook will Victoria Walker einen Ort schaffen, an dem die Bieler in Zeiten sozialer Isolation näher zusammenrücken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

· Hilf-jetzt

Als die Schweiz wegen der Corona-Krise ihren Betrieb runterfuhr, als Events, Konzerte, Sportereignisse abgesagt wurden, hatte Victoria Walker aus Biel plötzlich jede Menge Zeit. Sie ist Psychotherapeutin in eigener Praxis und freischaffende Musikerin, vor allem als Sängerin und Dirigentin. Alle ihre Konzerte wurden abgesagt. «Mir war klar, diese Zeit wollte ich sinnvoll nutzen», sagt sie.
 
Also fragte sie bei ihren Nachbarn an – sie sind 81 und 91 Jahre alt – ob sie Hilfe beim Einkaufen brauchen. Danach schaute sie auf Facebook, ob es anderen Menschen ähnlich geht. Sie stolperte über die Gruppe «Gern gscheh - service! - Biel/Bienne hilft/aide». 1000 Menschen hatten sich darin bereits vernetzt. Walker setzte sich über die Gruppe mit einer jungen Familie in Verbindung, die wegen ihres immunkranken Kindes die Wohnung nicht mehr verlassen durften. Nun erledigt sie deren Einkauf.
 
Der damaligen Gruppenadministratorin wurde es irgendwann zu viel. «Also habe ich den Job übernommen», sagt Walker. Sie hatte einst als Notfallpsychologin gearbeitet und sich in Hilfsprojekten engagiert. Sich ins Zeug zu legen, wenn es nötig wird, sei nichts Neues für sie. «Wenn ich A sage, sage ich auch B.»

Unterstützungsgruppe soll Menschen zusammenbringen

Anfangs sei es in der Gruppe rein um das Vermitteln von Nachbarschaftshilfe gegangen. «Ich wollte das ein wenig auflockern», sagt Walker. Ganz nach dem Vorbild der «Gern gscheh»-Gruppen in Basel, Bern und Zürich findet man in der Bieler Gruppe nun auch kulturelle Angebote, generelle Informationen zu Corona, man vermittelt und vernetzt oder gibt Tipps und Tricks für Homeoffice und den Umgang mit Kindern in dieser Zeit.
 
«Wir wollen einordnen, den Menschen Orientierung bieten und helfen, voneinander zu lernen», sagt Walker. Sie will damit auch der sozialen Isolation entgegenwirken. Wie ein digitaler Dorfplatz, bei dem sich die Gesellschaft ein wenig näher komme. 1700 Mitglieder hat die Gruppe aktuell. «Das bringt Menschen zusammen, die vorher nichts voneinander wussten.»
 
Natürlich stehe die Nachbarschaftshilfe immer noch im Vordergrund. Walker und eine weitere Administratorin prüfen die Hilfegesuche; sie schauen, dass, wo möglich, Tandems entstehen mit Helfenden, damit sich das Engagement nicht verzettelt. «Ich habe das Gefühl, dass daraus durchaus Verbindungen entstehen, die die Krise überdauern werden.»

Die Bewegung wächst in die Breite

Man habe bald gemerkt, dass ältere Menschen, die eher Hilfe benötigen, nicht auf Facebook sind. «Wir haben das ja alle noch nie gemacht, wir entdecken jeden Tag etwas Neues und lernen dazu», sagt Walker. Daher versucht man nun, die Risikogruppen auf analogem Weg zu erreichen: Mit Flyern in Apotheken, indem man sie direkt auf der Strasse anspricht und auf das Hilfsangebot verweist, aber auch über das Rote Kreuz. Vieles läuft eigenverantwortlich und dezentral, ohne striktes Regime. Bereits seien etwa kleinere Nachbarschaftsgruppen aus der Bieler Gruppe heraus entstanden. Die Bewegung wächst in die Breite.
 
Manchmal sind es viele kleine Gesten, die Grosses bewirken. So erhalten dank der Bieler Gruppe nun plötzlich zahlreiche Kinder und Senioren der Stadt Geburtstagskarten von unbekannten Menschen. «Ich bin nicht blauäugig und denke nicht, dass die ganze Welt plötzlich solidarisch wird», sagt Walker. «Aber solche schöne Dinge hinterlassen Spuren.» Das sei zumindest ihre Hoffnung.

Text: Adrian Meyer

Gemeinsam gegen Corona! Auf der Freiwilligen-Plattform www.hilf-jetzt.ch sind in den vergangenen Wochen mehr als 900 Nachbarschaftshilfe-Gruppen entstanden, die rasch und unbürokratisch Unterstützung im Alltag leisten.

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